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Wenn die einzige Qualität die Ausgleichszahlung ist - Die Geschichte von Aaron Wahl

Über Facebook haben wir Capjob Follower aufgefordert uns Ihre Geschichte zu erzählen, wie sie mit ihrer Behinderung im Arbeitsleben umgehen und welche Erfahrungen sie bei Bewerbungen gemacht haben.

Aaron war der erste, der so mutig ist, seine Geschichte zu veröffentlichen. Los geht's und vielen Dank an Aaron!

 

Hallo, mein Name ist Aaron Wahl. Ich bin 27 Jahre alt, komme aus Hamburg und bin seit 2016 mit dem Asperger-Syndrom diagnostiziert.

Der Teil meiner Geschichte, den ich in diesem Beitrag erzählen will, beginnt als ich mich als dauerhaft arbeitsunfähiger Mensch ohne konkrete Diagnose, aber mit starken Angststörungen, einer Sozialen Phobie und dergleichen dazu entschied, alles was ich kann dafür zu tun, um auf dem ersten Arbeitsmarkt nachhaltig tätig zu werden.

Ich war damals seit ich 18 war und nach einem knappen Realschulabschluss und mit 2 angefangenen, aber aus gesundheitlichen Gründen unterbrochenen Ausbildungen „berentet“. Ich habe Hilfe zum Lebensunterhalt vom Sozialamt erhalten und dort die Auskunft bekommen, dass eine berufliche Rehabilitation von der dauerhaften Arbeitsunfähigkeit nicht vorgesehen ist und es dafür keine Wege über öffentliche Stellen oder Ämter gibt.

Damals hatte ich schon 14 Jahre und alle unterschiedlichen Therapien in Anspruch genommen, die ich durch eine private Krankenversicherung versuchen konnte und für mich war der einzig hilfreiche Weg mir ohne Medikamente und Therapie klar zu machen wer ich eigentlich bin, was mich ausmacht und wo so etwas wie Stärken bzw. Schwierigkeiten liegen.

Dadurch begann ich mich langsam und über viele kleine Schritte und Ziele an mein großes Ziel heran zu tasten. Mit der Hilfe meines langjährigen und besten Freundes ging ich wieder aus dem Haus.
In vielen Wochen und mit einigen Rückschlägen gelang es mir dann mich wieder unter Menschen zu bewegen die mir vertraut waren und Neuem gegenüber nicht mehr mit Furcht und Vermeidung zu begegnen.

Mein nächster Schritt lag darin, aus meinen persönlichen Stärken mögliche Berufsfelder abzuleiten und zu versuchen, über Praktika und Nebenjobs das passende Feld für mich zu finden.
Aber mit der riesigen Lücke in meinem Lebenslauf ist es mir trotz unzähliger Bewerbungen nicht gelungen auch nur einen Praktikumsplatz zu erhalten. Schließlich fand ich eine Ausschreibung für einen Job als Texter, welchen ich von zu Hause ausüben konnte. Als Test wie belastbar ich nach all den Jahren noch bin und als erster Schritt begann ich diese Arbeit zu testen und sie lag mir erstaunlich gut, mein Arbeitgeber war zufrieden und ich auch.

Nach einem dreiviertel Jahr wollte ich mehr. Ich wollte mein Abitur nachmachen, jedoch konnte ich dies nur über eine Fernschule, da mein Abschlusszeugnis für andere Möglichkeiten nicht genügte.
Ich begann bei einer Fernschule den Lehrgang, mit dem Ziel danach mit einem Abitur als positives Highlight im Lebenslauf zu zeigen, dass ich trotz Lücke bereit bin Dinge zu erarbeiten und zu erreichen. Als der Lehrgang meine Konzentration und Zeit so forderte, dass ich den Texter Job aufgeben wollte um mich ganz auf meinen Fortschritt zu konzentrieren, bot mein Arbeitgeber mir eine Vollzeit Stelle an. Mittlerweile habe ich ab und zu auch in der Firma, welche in meiner Stadt war vor Ort getextet und konnte mir daher diese Art der Arbeit und des Umfeldes gut vorstellen.

Mittlerweile war ich auch durch einen letzten Versuch bei einer Therapie als Asperger Autist diagnostiziert worden, was die Möglichkeit einer Förderung durch einen Eingliederungszuschuss ermöglichte.

Also kontaktierte ich die Agentur für Arbeit bezüglich der Fördermöglichkeiten.
Nun kam die Herausforderung, dass ich nicht einfach arbeiten gehen konnte und eine Förderung erhalte, wenn ich beim Sozialamt bin, da sich arbeitssuchend und arbeitsunfähig ausschließen.
Das Sozialamt wollte aber ohne Einstellungszusage mich nicht entlassen und die Firma wollte ohne die Förderung keine Einstellungszusage erteilen.
Über mehrere Ecken bekam ich es schließlich kommuniziert, dass diese heikle Hürde genommen werden und ich mit Förderung eingestellt werden konnte.

Leider stellte sich nach einem halben Jahr heraus, dass der Arbeitgeber nicht dafür bereit war die nötigen Arbeitsumstände zu schaffen, damit ich dauerhaft arbeiten kann. Das hat mich erst in langes Kämpfen und dann in ein sehr tiefes Loch gestürzt als ich durch diese Situation und meiner Unfähigkeit an ihr etwas zu ändern so krank wurde, dass ich nicht weiterarbeiten konnte.
Also blieb nur eine Krankschreibung. Von Ämtern wurde mir gesagt, dass solche Fälle bekannt und sehr häufig sind und dass der Weg wäre zu kündigen und zu versuchen wieder in die Rente zu kommen, „da niemand jemanden ohne Ausbildung einstellen würde, wenn die einzige Qualität die Ausgleichszahlung ist“.

Trotzdem wollte ich nicht aufgeben und kam über meine Therapeutin zu einem Persönlichkeitstraining, was ich dazu nutzen wollte um so weit fit zu werden erst das Abitur und dann eine Ausbildung durchzuhalten.

So kam ich das erste Mal ins PEM Center machte ein Probetraining und war von dem authentischen und ehrlichen Verhalten der Menschen und von dem Umfeld so begeistert, dass ich ehrenamtlich dort zu arbeiten anfing.
Das rein körperliche Training half mir in wenigen Stunden mehr weiter als die mittlerweile 15 Jahre Therapie vorher. Der Wunsch ein Training speziell für Menschen mit Autismus zu entwerfen entstand schon am Anfang und gleichsam der Wunsch als Trainer dieses Training anderen zu zeigen.

Als nach langem Bangen die Arbeitsagentur ablehnte diese Fortbildung zu finanzieren, da ich keine abgeschlossene Erstausbildung habe und meine Eltern es irgendwie schafften die Kosten tragen zu können, kam mir der Gedanke, was mit Menschen ist denen die Methode helfen könnte aber die keine Förderung bekommen und deren Familien nicht das Geld haben um die Kosten zu tragen.

So entstand die Idee für das Projekt Autisten für Autisten.
Ich schrieb über 2 Monate täglich 16-22 Stunden an einem Konzept um möglichst viele Menschen zu unterstützen und möglichst viele Wege der Finanzierung zu ermöglichen. Als erstes überlegte und schrieb ich mit dem Leiter des Centers eine Maßnahme für das Persönlichkeitstraining um es Menschen mit Schwierigkeiten zu ermöglichen das Training als zertifizierte Weiterbildung zu finanzieren und zu absolvieren um danach Ihren Berufswünschen nachgehen zu können. Doch ich wollte, dass die Menschen die auch selber im Projekt arbeiten wollen und sich zum Trainer der Methode ausbilden lassen auch in dem Projekt arbeiten können. Also überlegte ich weitere Möglichkeiten des Einsatzes dieser Methode um Menschen zu unterstützen. Als nächstes stellte ich Kontakt her zu allen Akteuren, die mir und anderen einfielen und die mit dem Thema Autismus (und Arbeit) zu tun haben.
Gleichzeitig initiierte ich einen Runden Tisch und schrieb ein Konzept, was zum Ziel hat die nachhaltige Beschäftigung von Menschen mit Autismus auf dem ersten Arbeitsmarkt zu erleichtern und zu verbessern. Akteure zu vernetzen und ihre Zusammenarbeit zu verbessern sind neben dem Ermuntern von Unternehmen zur Einstellung von Menschen mit Autismus und Behinderungen weitere Ziele des Runden Tisches. Und das gegenseitige Lernen durch die Erfahrungen der jeweiligen Stellen ist für mich ein wichtiger Aspekt, ein Ort wo sich Betroffene, Wirtschaft und Institutionen treffen um gemeinsam an einer Verbesserung zu arbeiten.

Logo des Projekts: Autisten für Autisten

 

Dieser Runde Tisch findet Ende Oktober das erste Mal statt.
Auch darüber hinaus gibt es Pläne, sogar schon Kontakte ins Ausland und Anfragen zum Projekt.
Mit genügend Unterstützung soll eine Möglichkeit geschaffen werden um das Projekt und die nachhaltige Arbeit für viele Menschen zu ermöglichen.

Ein Video Interview mit Bento kam letzten Donnerstag raus und genau wie auf der Website unseres Projektes ist es sehr persönlich gehalten.

Mein Wunsch ist es mit meiner Geschichte andere Menschen zu motivieren sich selbst und ihre Wünsche und Ziele niemals aufzugeben, egal was die Umstände suggerieren.
Es ist kein leichter Weg und es gibt Rückschläge und auch ich bin oft hingefallen, es ist wichtig daraus zu lernen und vor allem sich selbst nie aufzugeben.

Vor ein paar Jahren hätte niemand, am wenigsten ich selbst geglaubt, dass ich heute bin wo ich bin und tue was ich tue. Aber die Realität zeigt, dass es möglich ist und ich für meinen Teil möchte es für andere Menschen im Rahmen meiner Möglichkeiten ebenfalls möglicher machen.

Aaron Wahl